18. KAPITEL

 

DIE LEHRE DES »KA«

 

An jenem Abend gingen alle zeitig zu Bett. Die nächste Nacht versprach Anspannung zu bringen, daher war Mr. Trelawny der Meinung, wir sollten uns im voraus mit Schlaf stärken. Auch der Tag würde viel Arbeit bringen. Alles mußte fürs Große Experiment noch einmal durchgegangen werden, damit sich kein Fehler einschlich und uns um den Erfolg brächte. Natürlich stellten wir uns auch darauf ein, Hilfe zu rufen, falls es nötig sein sollte. Doch glaube ich nicht, daß jemand ernsthaft an Gefahr dachte. Gewiß befürchteten wir keinen Akt der Gewalt wie in London während Mr. Trelawnys langandauernder Trance.

Was mich anlangte, so verspürte ich große Erleichterung. Ich fand Mr. Trelawnys Einwand einleuchtend, daß nämlich von Seiten der Königin kein Widerstand zu erwarten war, wenn sie wirklich die Persönlichkeit war, für die wir sie hielten. Denn wir taten ja nichts anderes, als ihre eigenen Wünsche in die Tat umzusetzen. Soweit also war ich beruhigt – weitaus beruhigter, als ich es noch vor kurzem für möglich gehalten hätte. Doch gab es daneben andere Ursachen für Sorgen, die ich nicht so einfach verdrängen konnte. Die wichtigste war Margarets seltsamer Zustand. Wenn es zutraf, daß sie in ihrer Person eine Doppelexistenz beherbergte, was würde dann geschehen, wenn die zwei Existenzen miteinander verschmolzen? Immer wieder drehte und wendete ich diese Sache in Gedanken hin und her, bis ich vor Nervosität und Angst am liebsten laut geschrien hätte. Da war mir der Gedanke kein Trost, daß Margaret selbst gelassen schien. Denn Liebe ist ein selbstsüchtig Ding und wirft schwarze Schatten auf alles, was zwischen ihr und dem Licht steht. Mir war, als hörte ich die Uhrzeiger auf dem Zifferblatt vorrücken. Ich sah Dunkelheit zur Dämmerung werden, Dämmerung zum Morgengrauen, Grau zu Helligkeit, ohne daß in der Abfolge meiner kläglichen Gefühle eine Pause eingetreten oder sich ihnen gar ein Hindernis entgegengestellt hätte. Ich stand schließlich auf, als ich keine Angst mehr zu haben brauchte, ich könnte jemanden stören. Leise schlich ich den Gang entlang und stellte fest, daß alles in bester Ordnung war. Wir hatten nämlich abgesprochen, daß wir die Zimmertüren einen Spalt offenlassen würden, damit jedes störende Geräusch sofort von allen wahrgenommen werden konnte.

Alle schliefen sie nicht. Ich konnte ihre regelmäßigen Atemzüge hören, und mein Herz frohlockte, daß diese elende Nacht voller Angst vorbeigegangen war. Als ich mich in meinem Zimmer überwältigt zu einem Dankgebet niederkniete, erkannte ich das ganze Ausmaß meiner Angst. Ich ging aus dem Haus und lief über die lange, in den Fels gehauene Treppe hinunter ans Wasser. Ich schwamm in der kühlen klaren See und spürte, wie sich meine Nerven beruhigten und ich wieder ganz der alte wurde.

Als ich das obere Ende der Treppe erreichte, sah ich, wie die hinter mir aufgehende Sonne die Felsen drüben auf der anderen Seite der Bucht in schimmerndes Gold tauchte. Und doch fühlte ich so etwas wie Beunruhigung. Alles war viel zu klar wie zuweilen kurz vor Ausbruch eines Gewitters. Während ich innehielt und das alles beobachtete, spürte ich eine leichte Hand auf meiner Schulter. Ich wandte mich um und sah Margaret dicht neben mir stehend. Margaret, klar und strahlend wie die Morgenpracht der Sonne! Diesmal war es die Margaret, die mir gehörte, die Margaret von früher, der nichts Fremdes beigemengt war, und ich spürte, daß wenigstens dieser letzte und entscheidende Tag einen guten Anfang genommen hatte.

Doch leider sollte die Freude nicht anhalten. Kaum waren wir nach einem Bummel um die Klippen ins Haus zurückgekehrt, als sich wieder die Abfolge vom Vortag einstellte: Bedrücktheit und Angst, Hoffnung, Hochstimmung, tiefe Niedergeschlagenheit und stumpfe Teilnahmslosigkeit.

Doch es sollte gleichzeitig ein arbeitsreicher Tag werden. Und wir alle wappneten uns mit einer Energie für die kommenden Mühen, die eine Erleichterung eigener Art bringen sollte.

Nach dem Frühstück begaben wir uns in die Höhle, wo Mr. Trelawny sodann Punkt für Punkt die Position unserer sämtlichen Utensilien durchging. Und dabei gab er bei jedem Stück eine Erklärung für die Plazierung ab. Er hatte die großen Papierrollen bei sich, auf denen er mit Maßangaben versehene Pläne und dazu die Schriftzeichen und Bilder eingetragen hatte, die auf seinen und Corbecks grob angefertigten Aufzeichnungen beruhten. Damit waren, wie er uns sagte, sämtliche Hieroglyphen von Wänden, Decke und Boden der Gruft im Tal des Magiers erfaßt. Auch wenn uns nicht die maßstabgetreuen Pläne zur Verfügung gestanden hätten, so wären wir an Hand der kryptischen Schriftzeichen und Symbole sehr wohl imstande gewesen, jedes Stück an seinen vorgesehenen Platz zu stellen.

Mr. Trelawny erklärte uns gewisse andere, nicht in den Aufzeichnungen enthaltene Dinge, wie beispielsweise die Tatsache, daß der ausgehöhlte Teil des Tisches genau zum Boden des magischen Behälters paßte, der daher auf diesem Tisch seinen Platz finden sollte. Die Beine dieses Tisches bestanden aus verschieden geformten Uräus-Schlangen, deren Köpfe in verschiedene Richtungen blickten. Weiter erklärte er, daß die Mumie, wenn man sie auf den erhabenen Teil des Sarkophagbodens legte, der genau ihrer Form angepaßt war, mit dem Kopf nach Westen und den Füßen nach Osten liegen müßte, damit sie so die natürlichen Erdströmungen in sich aufnehmen konnte.

»Wenn dies mit Absicht geschieht, wie ich annehme«, sagte er, »dann können wir davon ausgehen, daß die hierauf in Erscheinung tretende Kraft etwas mit Magnetismus oder mit Elektrizität oder gar mit beiden zu tun hat. Natürlich ist es ebensogut möglich, daß eine andere Kraft, wie beispielsweise die vom Radium ausgestrahlte, wirksam wird. Mit letztgenannter habe ich Versuche gemacht, allerdings nur in dem mir möglichen kleinen Rahmen. Soweit ich es beurteilen kann, ist das Gestein, aus dem der Behälter gehauen wurde, absolut undurchlässig. Es müssen also in der Natur unbemerkt solche Substanzen vorkommen. Radium kommt gewiß nicht nur in Pechblende, sondern auch in anderen Substanzen vor. Gut möglich, daß diese zur Klasse der »inerten« Stoffe gehören, die Sir William Ramsay festgestellt und gewonnen hat. Daher ist es weiter möglich, daß in diesem Behälter, der aus einem Meteorit geschnitten wurde und daher ein in unserer Welt unbekanntes Element enthalten könnte, eine wirksame Kraft schlummert, die beim öffnen freigesetzt wird.«

Damit schien das Thema beendet, doch er machte ein Gesicht, als hätte er noch nicht alles erschöpfend behandelt. Daher warteten wir wortlos, bis er fortfuhr:

»Ich muß gestehen, daß es einen Punkt gibt, der mir bis jetzt ein Rätsel ist. Vielleicht ist er gar nicht so wichtig, doch in einer Angelegenheit wie der vorliegenden, bei der praktisch alles ungewiß ist, müssen wir davon ausgehen, daß alles wichtig sein könnte. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, daß bei einem mit so außergewöhnlicher Genauigkeit ausgearbeiteten Plan etwas übersehen werden konnte. Wie Sie aus dem Grundriß der Gruft entnehmen können, steht der Sarkophag an der Nordwand, und der magische Behälter ist südlich davon. Die vom Sarkophag eingenommene Fläche ist bar jeglicher Symbole oder Verzierungen. Auf den ersten Blick würde dies darauf hinweisen, daß die Zeichnungen gemacht wurden, nachdem der Sarkophag an seinen Platz gestellt wurde. Eine genauere Untersuchung aber zeigt, daß die Symbole auf dem Boden um einer bestimmten Wirkung willen so angeordnet waren. Sehen Sie, hier verläuft die Schrift in richtiger Reihenfolge, als hätte sie die Lücke übersprungen. Nur gewissen Wirkungen ist es zu verdanken, daß eine Bedeutung überhaupt klar wird. Der dahintersteckende Sinn ist vielleicht genau das, was wir wissen wollen. Sehen sie den oberen und den unteren Rand der leeren Stelle an, die in west-östlicher Richtung entsprechend dem Haupt und Fuß des Sarkophags liegt. An beiden Stellen finden wir Duplikate desselben Symbols, jedoch so angeordnet, daß die einzelnen Zeichen als Bestandteile einer anderen Schrift, nämlich einer dazu horizontal verlaufenden, erscheinen. Nur wenn man mit geschärftem Auge entweder vom Haupt oder Fuß einen Blick auf die Zeichen wirft, erkennt man sie als solche! Sehen Sie, in den Ecken und im Mittelpunkt von oberem und unterem Rand sind sie dreifach. Jedesmal ist eine Sonne von der Linie des Sarkophags und vom Horizont in die Hafte geschnitten. Knapp dahinter und ihr abgewandt, aber in irgendeiner Abhängigkeit stehend, sehen wir jedesmal die Vase, die in der Hieroglyphenschrift das Zeichen für das Herz darstellt – »Ab«, wie es die Ägypter nannten. Sodann sehen wir zwei ausgestreckte vom Ellbogen an aufwärts gerichtete Arme. Dies ist das Zeichen für »Ka« oder das »Doppelte«. Doch dessen relative Stellung ist oben und unten verschieden. Am Haupt des Sarkophags ist die Spitze des »Ka« der Öffnung der Vase zugewandt, am Fuß zeigen die ausgestreckten Arme von dem Zeichen weg.

Der Symbolgehalt weist wohl darauf hin, daß während der Wanderung der Sonne von Westen nach Osten – von Sonnenuntergang zu Sonnenaufgang, anders ausgedrückt, in der Nacht –, das Herz, das auch in der Gruft substantiell bleibt und diese nicht verlassen kann, einfach eine Drehung vollführt, so daß es stets auf »Ra« den Sonnengott, den Ursprung alles Guten, gerichtet ist, daß aber das »Doppel«, das für das Prinzip der Aktivität steht, sich frei bewegen kann, Tag und Nacht. Falls diese Annahme zutrifft, dann ist dies alles als Warnung gemeint; als Hinweis darauf, daß das Bewußtsein der Mumie nicht ruht, sondern ein Faktor ist, mit dem gerechnet werden muß.

Eine andere Deutung wäre die, daß nach der Nacht der Wiedererweckung, das »Ka« das Herz verlassen würde, ein Hinweis darauf, daß die Königin in einer niedereren und rein physischen Existenz wiedererstehen würde. Was würde nun in diesem Fall aus ihrem Gedächtnis und den Erfahrungen ihrer ins Weite schweifenden Seele? Das für die Welt Wichtigste bei ihrer Auferweckung würde damit verlorengehen! Allerdings mache ich mir darüber keine ernsthaften Sorgen. Es handelt sich ja bloß um Vermutungen, und überdies wäre es das Gegenteil dessen, was die ägyptische Theologie lehrte, nämlich daß das »Ka« ein essentieller Teil menschlichen Wesens sei.« Er machte nun eine Pause, und Dr. Winchester warf ein: »Deutet dies alles nicht darauf hin, daß die Königin fürchtet, jemand könnte in ihre Gruft eindringen?«

Mr. Trelawny gab lächelnd zur Antwort:

»Mein lieber Doktor, darauf war sie vorbereitet. Grabraub ist schließlich keine Errungenschaft unserer Zeit. Dergleichen kannte man wahrscheinlich schon in der Dynastie der Königin. Sie war nicht nur darauf vorbereitet, wie es sich in mancher Hinsicht zeigt, sie erwartete ein Eindringen geradezu. Das Verbergen der Leuchten im »Serdab«, das Aufstellen eines rächenden »Schatzhüters«, das alles deutet auf Verteidigungsmaßnahmen hin, positive wie negative. Den zahlreichen durchdachten Hinweisen könnte man entnehmen, daß sie als Möglichkeit in Betracht zog, andere – wie beispielsweise wir – könnten das Werk vollbringen, das sie sich selbst zugedacht. Die Sache, die ich eben genau beschrieb, ist ein Beispiel dafür! Der Hinweis war für Augen bestimmt, die sehen können!«

Wieder schwiegen alle. Margaret war es, die als nächste sprach:

»Vater, dürfte ich die Skizze haben? Ich möchte sie tagsüber studieren!«

»Aber gewiß doch, mein Liebes«, meinte Mr. Trelawny herzlich, und reichte ihr den Bogen. Er fuhr nun in seinen Anweisungen fort, sachlicher allerdings, in einem Ton, der einem praktischen, von keinerlei Geheimnissen umgebenen Thema angemessen war: »Ich glaube, Sie sollten über die elektrischen Lichtleitungen in diesem Haus Bescheid wissen, für den Fall, daß etwas Unvorhergesehenes eintritt. Sicher ist Ihnen bereits aufgefallen, daß alle Teile des Hauses voll angeschlossen sind, so daß es hier keinen einzigen dunklen Winkel gibt. Das alles habe ich persönlich geplant. Zwei von der Gezeitenströmung angetriebene Turbinen erzeugen den Strom – wie die Turbinen am Niagarafall. Auf diese Weise hoffe ich eventuelle Ausfälle unmöglich zu machen und mir zu jeder Zeit die Stromversorgung zu sichern. Kommen Sie, ich will Ihnen die ganze Anlage erklären.«

Er führte uns im Haus umher, und ich konnte nicht umhin zu bewundern, wie perfekt ausgeklügelt das System war und wie er sich gegen jede nur denkbare Katastrophe abgesichert hatte.

Doch, aus dieser lückenlosen Vollkommenheit wuchs Angst! Bei einem Unternehmen wie dem unseren waren die Grenzen menschlichen Denkens eng gesteckt. Dahinter lag die Unendlichkeit göttlicher Weisheit und göttlicher Kraft!

Wieder in der Höhle, griff Mr. Trelawny ein anderes Thema auf:

»Wir müssen nun endgültig den genauen Zeitpunkt für unser Experiment festlegen. Für Naturwissenschaft und Mechanik sind alle Stunden gleich, wenn nur die Vorbereitungen getroffen sind. Wir aber haben es mit Vorbereitungen zu tun, die von einer Frau mit außergewöhnlichem Verstand getroffen wurden, einer Frau, die an Magie glaubte und in alles einen geheimen Sinn legte. Wir sollten uns also, ehe wir uns entscheiden, an ihre Stelle versetzen. Fest steht jedenfalls, daß der Sonnenuntergang in ihren Plänen eine gewichtige Rolle spielte. Da die so mathematisch genau an den Rand des Sarkophags gemeißelten Sonnen mit voller Absicht so angeordnet wurden, müssen wir daraus gewisse Schlüsse ziehen. Dazu kommt, daß die Zahl Sieben das Denken und Handeln der Königin in jeder Phase beeinflußt hat. Die logische Folgerung wäre, daß die siebente Stunde nach Sonnenuntergang der festgesetzte Zeitpunkt ist. Ein weiterer Beweis dafür wäre die Tatsache, daß jedesmal, wenn in meinem Haus etwas passierte, dies ebenfalls der Zeitpunkt war. Da die Sonne heute in Cornwall um acht Uhr untergeht, muß unsere Stunde drei Uhr morgens sein!«

Das brachte er ganz sachlich, wenn auch mit großem Ernst vor. Worte und Haltung hatten nichts von einem Geheimnis an sich. Und doch waren wir alle zutiefst beeindruckt. Ich sah es den blassen Mienen der anderen an und merkte es am Schweigen und daran, daß sich keiner rührte, als diese Entscheidung gefällt wurde. Die einzige, die sich gelassen zeigte war Margaret, die wieder in eine Phase der Geistesabwesenheit verfallen gewesen war und nun mit einer Andeutung erwartungsvoller Freude daraus erwachte. Ihr Vater, der sie genau beobachtete, lächelte. Ihre Stimmung war für ihn Bestätigung seiner Theorie.

Ich selbst war überwältigt. Diese endgültige Festsetzung der Stunde erschien mir wie die Stimme des Schicksals. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, kann ich nachfühlen, wie es einem Verurteilten zumute sein mag, der seine letzte Stunde schlagen hört.

Jetzt gab es kein Zurück mehr! Wir waren in Gottes Hand! In Gottes Hand…! Und dennoch…! Was für andere Kräfte würden aufgeboten werden…? Was würde aus uns werden, die wir armselige Staubkörner waren, verweht mit dem Wind, von dem kein Mensch weiß, wohin er geht und woher er kommt. Es war nicht meinetwegen… Margaret…!

Mr. Trelawnys entschlossene Stimme riß mich aus meinen Gedanken.

»Nun wollen wir uns um die Leuchten kümmern und unsere Vorbereitungen beenden.«

Unter seiner Aufsicht bereiteten wir die ägyptischen Leuchten vor, füllten sie mit Zedernöl und achteten darauf, daß die Dochte richtig angebracht waren. Eine nach der anderen wurden sie probeweise angezündet. Dann beließen wir sie so, daß man sie schnell und gleichzeitig entzünden konnte. Es folgte eine allgemeine Nachschau, ob wohl alles für die Nacht bereit war.

Das alles hatte seine Zeit gebraucht, so daß wir alle erstaunt waren, als wir nach dem Verlassen der Höhle das Haus betraten und die große Uhr in der Diele vier Uhr schlug.

Wir nahmen einen verspäteten Lunch zu uns und trennten uns hierauf, Mr. Trelawnys Rat folgend, damit sich ein jeder nach Belieben auf die Anspannung der kommenden Nacht vorbereiten konnte. Margaret wirkte blaß und müde, so daß ich ihr empfahl sie solle versuchen ein wenig Schlaf zu finden. Das versprach sie mir. Die Geistesabwesenheit, die sie den ganzen Tag über nicht losgelassen hatte, verflüchtigte sich. Sie gab mir mit ihrem gewohnten Liebreiz und voll Zärtlichkeit zum Abschied einen Kuß! Begleitet von dem Glücksgefühl, das in mir daraufhin erwachte, brach ich zu einem Spaziergang über die Klippen auf.

Nachdenken wollte ich nicht, und ich hatte das sichere Gefühl, daß die frische Luft, die Sonne des lieben Gottes und die ungezählten Wunder aus seiner Hand die beste Vorbereitung auf das Kommende wären.

Bei meiner Rückkehr fanden sich alle zu einem späten Tee zusammen. Ich, der ich mir eben draußen in der Natur Kraft geholt hatte, empfand es fast als komisch, daß wir kurz vor dem Ende eines so seltsamen fast ungeheuerlichen Unternehmens, uns so krampfhaft an unsere alltäglichen Bedürfnisse und Gewohnheiten klammerten.

Wir Männer waren durchweg ernst gestimmt. Die Zeit der Abgeschiedenheit hatte allen Gelegenheit zum Nachdenken gegeben. Margaret hingegen war heiter, ja fast fröhlich. Ich aber vermißte an ihr die gewohnte Spontaneität. Mir gegenüber benahm sie sich ein wenig reserviert, was sofort meinen Argwohn weckte. Nach dem Tee ging sie hinaus, um gleich darauf wiederzukommen, die Skizzenrolle in der Hand, die sie sich von ihrem Vater erbeten hatte. An Mr. Trelawny herantretend sagte sie:

»Vater, ich habe mir gründlich überlegt, was du heute von dem verborgenen Sinn dieser Sonnen und Herzen und »Ka’s« erklärtest, und ich habe die Zeichnungen daraufhin genau untersucht.«

»Mit welchem Ergebnis, mein Kind?« fragte Mr. Trelawny begierig.

»Es wäre noch eine andere Deutung möglich!«

»Ach, und die wäre!« Seine Stimme bebte vor Spannung. Margaret sprach nun mit einem seltsamen Klingen in der Stimme, einem Klang, der vom Bewußtsein der Wahrheit getragen wird.

»Eine Deutung besagt, daß das »Ka« bei Sonnenuntergang in das »Ab« eintritt, und daß es das »Ab« erst bei Sonnenaufgang verlassen wird!«

»Weiter!« sagte ihr Vater heiser.

»Das bedeutet, daß in dieser Nacht, das »Doppel«, das Abbild der Königin, das ansonsten frei ist, in ihrem Herzen bleibt, das sterblich ist und seinen Kerker in der Mumienumhüllung nicht verlassen kann. Wenn die Sonne im Meer versinkt, hört Königin Tera auf, als bewußte Kraft zu existieren – bis zum Sonnenaufgang. Falls nicht das Große Experiment sie zum Leben erweckt. Das alles bedeutet wiederum, daß ihr alle nichts in jener Art zu befürchten habt, an die zu erinnern wir leider Grund haben. Welche Veränderungen das Große Experiment auch bringen mag, sie können keinesfalls von der armen, hilflosen Toten ausgehen, die jahrhundertelang auf diese Nacht wartete, die für diese Stunde die nach Weise der Alten gewonnene ewige Freiheit aufgab in der Hoffnung auf ein neues Leben in einer neuen Welt, wie sie es sich ersehnte…!«

Sie hielt plötzlich inne. Denn ihre Worte hatten einen seltsam Mitleid erregenden, ja fast flehenden Ton angenommen, der mich tief berührte. In ihren Augen standen Tränen, das konnte ich sehen, ehe sie sich hastig umdrehte.

Diesmal aber ließ sich das Herz ihres Vaters nicht von ihren Gefühlen rühren. Er war freudig erregt, doch zeigte er daneben eine grimmige Entschlossenheit, die mich an seinen Gesichtsausdruck während der Trance erinnerte. Jedenfalls fand er keine Trostworte für seine Tochter, und sagte nur:

»Wenn die Zeit gekommen ist, können wir den Wahrheitsgehalt deiner Vermutung und ihrer Gefühle überprüfen!«

Nach diesen Worten ging er die Steintreppe hoch und betrat sein Zimmer. Margaret sah ihm mit bekümmerter Miene nach.

Es war seltsam, aber ihr Kummer rührte mich nicht an.

Nach Mr. Trelawnys Weggehen herrschte Stille. Keinem von uns war nach Reden zumute. Schließlich ging auch Margaret auf ihr Zimmer, und ich trat hinaus auf die über dem Meer liegende Terrasse.

Die frische Luft und die sich vor mir ausbreitende Schönheit halfen mit, die gute Stimmung wiederherzustellen, die mich auch am Morgen beherrscht hatte. Und schließlich gab ich mich der Erleichterung darüber hin, daß die Gefahr, die ich in der kommenden Nacht von der Königin befürchtet hatte, abgewendet war. Ich glaubte so fest an Margarets Überzeugung, daß es mir gar nicht einfiel, ihre Gründe in Frage zu stellen. Hochgestimmt und gelöster, als ich es seit Tagen erlebt hatte, ging ich auf mein Zimmer und legte mich aufs Sofa.

Ich erwachte, als Corbeck mir eilends zurief:

»Kommen Sie rasch hinunter in die Höhle. Mr. Trelawny möchte uns alle unten versammelt sehen. Schnell!«

Ich sprang auf und lief hinunter zur Höhle. Alle waren sie da, bis auf Margaret, die knapp hinter mir kam. In ihren Armen trug sie Silvio. Als der Kater seinen alten Feind witterte, wollte er sich loskämpfen und zu Boden gelassen werden.

Doch Margaret hielt ihn fest und beruhigte ihn. Ich sah auf die Uhr. Kurz vor acht.

Kaum war Margaret gekommen, sagte ihr Vater ohne Umschweife und mit einer für mich neuen Betonung:

»Margaret, du glaubst also, Königin Tera hätte für heute nacht freiwillig auf ihre Freiheit verzichtet? Sie hätte sich entschlossen, nichts als eine Mumie zu sein, bis alles vorüber ist und der Akt der Auferstehung erreicht wurde oder sich als Fehlschlag erwies!«

Nach einer kurzen Pause antwortete Margaret leise:

»Ja!«

In dieser Pause hatte sich ihr ganzes Sein verändert, Erscheinung, Stimme, Ausdruck, Auftreten. Das fiel sogar Silvio auf, der sich ihr nach heftigen Bemühungen endlich entwinden konnte. Ihr schien das gar nicht aufzufallen. Ich erwartete nun, daß der Kater, kaum hatte er seine Freiheit durchgesetzt, sich unverzüglich auf die Katzenmumie stürzen würde. Diesmal aber unterließ er es. Er schien verängstigt, wich zurück und drückte sich mit einem kläglichen »Miau« an meine Beine. Ich nahm ihn in die Arme, und er nestelte sich befriedigt zurecht.

Mr. Trelawny fragte von neuem:

»Bist du dessen sicher? Glaubst du es aus ganzem Herzen?«

Margarets Miene wirkte nicht mehr so verloren. Im Gegenteil, sie strahlte mit der Hingabe dessen, dem es gegeben wird, von großen Dingen zu sprechen. In ihrer Antwort schwang die unbedingte Überzeugung mit:

»Ich weiß es! Mein Wissen reicht über bloßes Glauben hinaus!«

»Du bist also so sicher, daß du – an Königin Teras Stelle gesetzt – gewillt wärest, dafür den Beweis anzutreten, und zwar so, wie ich es dir vorschreibe?«

»Ja, wie du willst!« lautete ihre furchtlose Antwort.

»Auch wenn du damit deinen Schutzgeist dem Tod – der Vernichtung preisgibst?«

Sie zögerte, und ich sah ihr an, daß sie litt – daß sie wahre Qualen ausstand. In ihre Augen trat ein gejagter Blick, ein Blick den kein Mann unbewegt in den Augen der Geliebten sehen kann. Ich wollte einschreiten, als der Blick ihres Vaters, der mit grimmiger Entschlossenheit in die Runde sah, mich traf. Da hielt ich inne, wie von einem Zauber angerührt. Und den anderen erging es ebenso. Vor unseren Augen ging etwas vor, was über unser Begriffsvermögen hinausging!

Mit wenigen Schritten war Mr. Trelawny an der Westwand der Höhle und zog den Laden vor der Fensteröffnung zurück. Kühle Luft wehte herein, und die letzten Sonnenstrahlen fielen nun auf beide, denn Margaret war an seine Seite getreten. Er deutete hinaus, dorthin wo die Sonne gleich einem goldenen Feuerball im Meer versank, und seine Miene war hart wie Granit. Mit einer Stimme deren kompromißlose, absolute Härte mir bis zur Stunde meines Tode in den Ohren klingen wird, sagte er:

»Entscheide dich! Sprich! Wenn die Sonne im Meer versinkt, wird es zu spät sein!«

Die Herrlichkeit der sterbenden Sonne erleuchtete Margarets Antlitz, bis es wie von einem inneren Licht erhellt strahlte.

»Ja, auch wenn es seinen Tod bedeutet!« gab sie zurück.

Sie ging an den Tisch, auf dem die Katzenmumie hockte, und faßte sie an. Nun fielen tief und dunkel die Schatten auf Margaret, und sie sagte:

»Wäre ich Tera, so würde ich sagen: »Nimm alles, was ich habe! Diese Nacht gehört allein den Göttern!««

Sie hatte noch nicht ausgesprochen, da war die Sonne untergegangen, und kalte Schatten überfielen uns. Alle standen wir reglos da. Silvio wand sich aus meinen Armen und lief seiner Herrin zu. Vor ihr stellte er sich auf die Hinterbeine und krallte sich in ihr Kleid, als bitte er darum, in die Arme genommen zu werden. Der Katzenmumie schenkte er keinerlei Beachtung mehr.

Margaret erstrahlte in ihrem gewohnten Liebreiz, als sie sagte:

»Vater, die Sonne ist untergegangen! Ob wir sie je wiedersehen werden? Die Nacht der Nächte ist gekommen!«

 

Die sieben Finger des Todes
titlepage.xhtml
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_001.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_002.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_003.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_004.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_005.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_006.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_007.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_008.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_009.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_010.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_011.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_012.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_013.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_014.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_015.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_016.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_017.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_018.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_019.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_020.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_021.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_022.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_023.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_024.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_025.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_026.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_027.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_028.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_029.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_030.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_031.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_032.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_033.htm
B72002 - Stoker, Bram - Die sieben Finger des Todes_split_034.htm